Sonntagsdepression oder ein unerwünschter Gast am Sonntag Abend

Sonntagsdepression oder ein unerwünschter Gast am Sonntag Abend

Besuch von „Sonntagsdepression“

Nach mehreren Jahren in meinem Job und einer wirklich guten Zeit, bekam ich plötzlich Besuch. Besuch von einem Gast, den ich weder eingeladen hatte noch ihn willkommen hieß. Ich kannte ihn nicht und sein Besuch irritierte mich. Ich wusste weder, was ich mit ihm anfangen sollte, noch wusste ich, was er von mir wollte. Im Gegenteil: Er war unangenehm und ich wollte ihn so schnell wie möglich los werden. Er störte mich, meine Ruhe und irgendwann auch meinen rund laufenden Job und mein gutes Leben. Auch wenn ich mich nicht mehr genau daran erinnere, bin ich mir fast sicher, dass der Gast zum ersten Mal an einem Sonntagabend auftauchte. Das ist genau seine Zeit – dann steht er auf einmal vor der Türe, setzt sich zu Dir auf die Couch und verhindert, dass Du ungestört Dein Wochenende bis zum Schluss genießen kannst.

Der Gast hat einen Vornamen „Sonntags“ und einen Nachnamen „Depression“. Er ist eine Mischung aus Gedanke und Emotion. Er löst Beklemmung aus. Er sagt die ganze Zeit Sachen, wie „Du hast keine Lust morgen, wieder ins Büro zu fahren!“ oder „Du machst immer die gleichen Dinge, wie lange willst Du das noch machen?“. Neben diesem Besuch einzuschlafen, macht es Dir nicht einfacher, am nächsten Morgen aufzustehen: Dieser Idiot liegt auf deinen Beinen. Vorfreude auf neue Taten sehen wohl anders aus. Zum Glück kommt dieser Typ die nächsten paar Wochen nicht wieder.  Hat ihm wohl doch nicht gefallen. Das Gefühl  ändert sich wieder und ich kann wieder ungestört zur Arbeit fahren. Sonntagsdepression hat sich in der Tür geirrt  – das war vermutlich nur eine schlechte Phase, die nun vorüber ist. „Und vielleicht brauche ich auch nur mal wieder neue Aufgaben oder eine Gehaltserhöhung– ich werde das Ende des Jahres im Jahresgespräch klären.“

Flucht in den Urlaub

Bis zu diesem Jahresgespräch bekam ich jedoch wieder häufiger Besuch von dem unangenehmen Gast – diesem schien es immer besser bei mir zu gefallen, er kam früher, fuhr später und manchmal blieb er nicht mehr nur von Sonntag auf Montag bei mir. Seine Aufenthalte wurden häufiger und länger. „Gut, vielleicht brauchst Du auch einfach nur eine Auszeit – Du musst mal raus“, sagte ich mir im Konsens mit meinen Freunden. Zunächst musste ich jedoch ein paar Wochen überstehen, in denen ich auch am Wochenende auf Events arbeitete. Komischerweise blieb zu dieser Zeit der Gast fern und alles lief wieder rund. Wenn keiner zu Hause ist und man sieben Tage die Woche arbeitet, dann kommt eben auch keiner vorbei. Erleichterung, alles war wieder gut. Nach der Saison fuhr ich zwei Wochen weg in mein geliebtes Griechenland. Kein Mitreisender, der sich einfach ins Flugzeug gesneakt hatte. Ich konnte schnell abschalten und es ging mir gut: Ich traf viele Freunde, genoss die Sonne, das Meer und das gute Essen. Einfach mal die Seele baumeln lassen und in den Tag hinein leben und mit guter Gesellschaft das Leben genießen… Das war es also, was ich brauchte. Zwischendurch dachte ich an meine Abreise und wünschte mir, dass die Zeit nie zu Ende geht. „Doch so geht es wahrscheinlich jedem im Urlaub; kaum einer zieht Arbeit dem Urlaub vor“, dachte ich mir. Zum Glück waren es noch ein paar Tage hin!

Der Gast kehrt zurück

Doch am Tag vor der Abreise tauchte auf einmal ein altbekanntes Gesicht auf – mein unerwünschter Gast schien gekommen zu sein, um mich abzuholen. Meine Gedanken kreisten darum, dass ich übermorgen schon wieder antreten musste. „Eine kleine Urlaubsnachdepression“, sagte ich mir und erinnerte mich daran, dass es vielen meiner Freunde ähnlich gegangen war nach ihrer Rückkehr. Ich hatte dies auch schon mal in Ansätzen erlebt– je länger man raus ist, umso länger dauert es, wieder reinzukommen. Doch diesmal war irgendwas anders…ich war richtig beklemmt und es fühlte sich an, als würde dieser Besuch mich regelrecht erdrücken. Doch mit ein bis zehn „Stell Dich nicht so an, es ist nur Arbeit!“ brachte ich mich wieder auf Spur.

Der Winter rückte näher – irgendwie habe ich mich an meinen unerwünschten Gast langsam gewöhnt. Doch ich wusste, dass eine berufliche Veränderung alles wieder richten würde. Es wäre quasi so, als würde ich umziehen und Sonntagsdepression würde mich mich in meinem neuen Heim nicht mehr besuchen wollen. Und dann kam der Befreiungsschlag: Das Jahresgespräch stand an. Meine Aufgaben änderten sich und auch die gewünschte Gehaltserhöhung folgte – ich war gewappnet für einen Neustart. Erfreut und glücklich über die neue Perspektive und die Anerkennung ging ich in die Weihnachtsferien – ohne meinen Gast. Doch entgegen meiner Hoffnungen blieb der große Motivationsschub aus und dann klopfte an Neujahr auch noch dieser Spinner an die Tür. „Naja, so schnell konnte es ja auch nicht gehen. Du musst ja erstmal in dem Bereich anfangen!“. Das Jahr begann…der erwünschte Tatendrang und die Vorfreude auf das Neue blieben leider fern. „Der Januar ist ja auch immer ein deprimierender Monat!“.  „Und wenn erstmal der Frühling kommt und die Umsetzung der neuen Herausforderung, dann wird schon alles besser…ewig kann dieser Typ ja auch nicht bleiben!“ – oder etwas doch?

Es gibt bestimmt viele Menschen, die diesen unerwünschten Gast kennen und auch sonntags abends mit ihm auf der Couch sitzen. Es gibt viele Menschen, die ähnliche Phasen durchlaufen und schon am Wochenende mit einem Fuß im Montag stehen. Oder die Geld dafür bezahlen würden, morgens nicht ins Büro fahren zu müssen. Bei Manchen bleibt es ein kurzer Besuch und die Phase verfliegt– vielleicht ändern sie etwas an den Umständen oder ändern ihre Einstellung oder sie finden eine Tätigkeit neben der Arbeit, die sie erfüllt. Vielleicht werden sie ihren Besuch namens Sonntagsdepression damit wieder los. Aber es gibt auch viele Menschen, die sich von Wochenende zu Wochenende und von Urlaub zu Urlaub hangeln. Eigentlich haben sie einen Dauergast und sind unglücklich, aber halten sich irgendwie über Wasser. Wahrscheinlich ist es die Angst vor der Veränderung, vor der Ungewissheit, vor fehlender Sicherheit, die sie abhält davon aus diesem Kreislauf auszubrechen.  Vielleicht gleichen das monatliche Gehalt und die Kompensationskäufe den Schmerz etwas aus. Vielleicht lässt sich der Gast damit ab und zu mal vom Hals halten. Vielleicht aber auch nicht? Dann geht es ihnen so wie mir – dann entscheiden sie sich vielleicht irgendwann dafür, sich mit ihrem Gast gemeinsam hinzusetzen, ihn auf ein Getränk einzuladen und ihm zuzuhören, wenn er Dir sagt: „Du bist unglücklich.“ Und dir die Frage stellt: „Willst Du so weitermachen?“.

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There are 2 comments for this article
  1. Tina at 10:09

    .. und wenn Du Dir selbst die Frage gestellt hast, ob Du so weitermachen möchtest, und Du zu dem Ergebnis gekommen bist, dass Du es NICHT willst, was dann?! In den seltensten Fällen findet man selbst einen Weg – dazu braucht es ein Gegenüber, das die richtigen Fragen stellt und Dir vielleicht einen Weg aus dem Tunnel zeigt. Jobcoach, Lebenshilfe, Freunde, Vorbilder.. vielleicht sogar ein Therapeut?
    Aber so hart der Weg sich vielleicht gestaltet: Gehen muss ihn jeder selbst! Es ist immer besser, etwas anzupacken in der Hoffnung, dass es sich verbessert – als in einer Ohnmacht zu verharren!
    Danke für all die tollen Texte und Inspirationen!!! ♥

    • auderReihe
      auderReihe Author at 10:48

      Liebe Tina,
      vielen Dank für Deine netten Worte – das motiviert mich sehr!
      Genau so sehe ich das auch! Für mich war es zunächst wichtig, zu erkennen, dass ich nicht so weitermachen möchte und mir das einzugestehen. Dies ist wahrscheinlich bei Dir ähnlich gewesen. Sich dann von der eigenen Opferhaltung zu verabschieden und sich seiner Selbstwirksamkeit bewusst zu werden, ist wahrscheinlich die schwierigste Veränderung auf dem Weg. Bei jedem Menschen ist diese unterschiedlich ausgeprägt, aber ganz ohne Glauben daran, selber durch seine Fähigkeiten und durch das eigene Handeln etwas bewirken zu können, geht es nicht. Und dann geht es daran, sich auf den Grund zu gehen; sich nicht nur zu fragen, was man nicht mehr möchte, sondern eher wie man leben möchte. Natürlich ist das ein längerer Weg als einfach weiterzumachen. Und wie Du schon sagst, warum sich auf diesem Wege nicht auch Unterstützung suchen, wenn man alleine nicht weiter kommt…schließlich tun wir das bei jeglichen anderen Sachen auch – nur bei unserem eigenen Leben nicht?! Ich wünsche Dir viel Glück auf Deinem Weg und ich freue mich wieder von Dir zu hören, Deine Micky

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